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Die Alchemie der Liebe - Vertrauen, Verletzungen und das Unvergängliche

  • renatalamesic
  • 8. Feb.
  • 9 Min. Lesezeit

Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, traf sein Blick meinen, blieb, hielt. Sekunden dehnten sich. Der Raum rückte näher. Die Anziehung war sofort da und kam ohne Vorwarnung. Sie nahm mir die Orientierung. Ich war von ihm überwältigt, ohne zu wissen, warum. Schon in diesem Moment war klar: Das würde nicht gewöhnlich werden. Nie zuvor hatte ich mit jemandem so tiefen Augenkontakt gehabt wie mit ihm. Es war, als würde zwischen uns eine Sprache existieren, die niemand sonst verstand. Ich fühlte mich auf eine besondere, fast unheimliche Weise mit ihm verbunden. Alles, was während des Kennenlernens geschah, aber auch, was danach folgte, war weder rational erklärbar noch logisch nachzuvollziehen. Ich kam mir vor wie in einer Seifenoper. Eine Liebesgeschichte, wie ich sie nur aus Filmen kannte. Leidenschaftlich und intensiv, aber auch gefährlich und obsessiv. Gefährlich, weil Grenzen zu Scharnieren wurden. Obsessiv, weil es ein Spiel ohne Abspann blieb.

 

Ich erinnere mich noch gut an einen der ersten Abende. Wir waren mehrere, die in der Bar arbeiteten. Er hatte ein Vanillefrappé bestellt, und obwohl er längst einen Strohhalm hatte, rief er nach mir und fragte nach einem weiteren. Dabei nannte er mich bei meinem Namen. Ich war überrascht, dass er überhaupt wusste, wie ich hiess. Sein Blick ging mir direkt unter die Haut. Seine Augen hielten sich an meinen fest, und als ich wegschaute, blieb sein Blick bei mir, bis wir uns erneut ansahen.


Es war an einem Sommerabend, die Bar wie immer voll. Ich lief zwischen Gläsern, Shishas und Stimmen herum, da fragte er mich nach meinem Snapchat. Ich war so überrumpelt, dass ich meinen Nutzernamen in dem Moment selbst nicht mehr wusste und zur Antwort gab: «Oh! Ähm … khei Ahnig! Ig weiss gar nid, wieni heisse uf Snap. Muess zerst luege!»

Wie ärgerlich! Sicher meinte er, dass ich ihm meinen Snap nicht geben wollte. Das stimmte nicht, aber ich konnte es nicht mehr richtigstellen, weil er kurz darauf einfach ging. Dass ich diese Gelegenheit, mich mit ihm zu verbinden, versäumt hatte, machte mich wahnsinnig. Meine damalige beste Freundin tröstete mich: «Wart doch eifach. Du gsehsch ihn sicher nächst Friti wieder, denn chasch ihn nach sim Snap froge.» Sie warnte mich davor, jemanden aus seinem Umfeld nach seinem Kontakt zu fragen.

Aber ich konnte nicht warten und hörte weder auf sie noch auf meine Intuition. Irgendwo in mir wusste ich, dass ich es besser lassen und bis zur nächsten Begegnung warten sollte. Aber mein Wunsch, mit ihm in Kontakt zu treten, war stärker. Und so fragte ich meinen Chef, der sein Kollege war, nach seinem Snap und fügte ihn dann hinzu.

 

Die Spannung zwischen uns war kaum auszuhalten, die Nähe wuchs in Sekundenschnelle. Seine Anwesenheit machte mich nervös, und ich fühlte mich wie in einen Sog gezogen. Seine Nähe war nicht nur spürbar, sie war unausweichlich.

Unser erstes Treffen ausserhalb der Bar war für Donnerstag geplant. Doch wir konnten unmöglich so lange warten und sahen uns schon am Montag. Als würde etwas Grösseres uns ständig zueinander ziehen. Als ob es gar keine andere Möglichkeit gäbe, als sich sofort wiederzusehen.

 

Die Magie der Anfangszeit hielt jedoch nicht lange an. Schnell kippten die Extreme: Aus inniger Nähe wurde unerklärliche Distanz. Aus herzlicher Vertrautheit wurde kühles Schweigen. Viele Menschen aus unserem Umfeld waren gegen unsere Verbindung, angebliche Freunde oder Dritte, die sich einmischten, Intrigen schmiedeten und bewusst spalten wollten. Auch seine Unehrlichkeit stand zwischen uns und einer Vertiefung unserer Verbindung. Was er plante, zerbrach, was er sagte, widersprach dem, was er tat. Konflikte zogen sich in die Länge, Missverständnisse häuften sich, verletzte Egos und unausgesprochene Worte taten ihr Übriges. Es war ein ständiges Auf und Ab, Vor und Zurück, On und Off, Hin und Her! Ich verlor mich selbst in einem Kreislauf aus Annäherung und Rückzug. Ich blockierte ihn, schwieg, wenn ich reden wollte, und provozierte, wenn ich mir eigentlich Nähe wünschte. Ich verletzte, weil ich verletzt war und hielt an ihm fest, obwohl ich längst wusste, dass ich loslassen musste.

 

Damals, kurz nach unseren ersten Treffen, wurde auch die Arbeit zur Bühne und das Umfeld zur Regie. Nach einer Spätschicht bemerkte mein Vorgesetzter, dass ich mit ihm schrieb. Er wies mich an, eine Mitarbeiterin nach Hause zu fahren – genau zu der Zeit, in der ich ihn sonst gesehen hätte. Ich fragte mich, warum. Er stellte sich mir als Kollege von ihm vor; privat war er verheiratet. Ich nahm es hin und fragte mich später, ob der Zeitpunkt Zufall gewesen war oder mehr. Später schrieb mir ein weiterer aus dem Umfeld und zeigte plötzlich Interesse an mir. Er machte mir auffallend oft Avancen – meist dann, wenn er nicht in der Bar war. Erst viel später erfuhr ich, dass er eng mit ihm befreundet war. Für mich ergab sich rückblickend ein Muster: Verflechtungen, die Nähe versprachen und zugleich Distanz schufen. Es wirkte, als öffneten sich Türen, um im selben Moment leise zuzufallen. Ich weiss nicht, wer was beabsichtigte. Aber es fühlte sich an, als ob Nebenrollen Fäden zogen, die an uns rissen. Worte von aussen deuteten uns, Blicke lenkten uns – und wir standen zwischen den Fäden, ohne zu begreifen, dass wir uns darin verfingen.

 

Und bei all dem vermied ich es, meine wahren Gefühle zu zeigen. Ich liebte ihn im Verborgenen, hoffte im Verborgenen, litt im Verborgenen. Ich fragte mich später oft, warum ich mich nie aus meiner Deckung gewagt hatte. Meinte ich wirklich, mein Schweigen würde mich schützen? Hoffte ich, er käme von selbst auf mich zu? Oder wusste ich insgeheim, dass diese Beziehung scheitern würde? Wann bin ich in der Liebe so berechnend geworden? Wann habe ich Hingabe gegen Vorsicht eingetauscht, das Sich-Fallen-Lassen gegen Kontrolle? Am Ende war es genau dieses Schweigen, das mich von mir entfernte und von ihm ebenso.

 

Nach langer Zeit voller Widersprüche und Stille sah ich ihn in einem Traum mit einer anderen Frau. Der Traum schwebte nach und bereitete mich vor auf das, was noch kommen sollte. Denn eines Tages sah ich ihn wirklich mit einer anderen Frau. Unsere Blicke trafen sich. Ganz bewusst setzte er sich in meine Nähe, und ich spürte: Das war kein Zufall. Es war, als wolle er mit etwas zeigen. Etwas, das er bereits wusste, aber ich noch nicht begriffen hatte. Ich blieb still, liess mir in meinem Stolz wie immer nichts anmerken, und ging.

 

Nicht die andere Frau verletzte mich, denn er und ich waren nicht zusammen. Es war mein altes Muster, das schmerzte. In diesem Moment bündelten sich all die Male, in denen ich meine Wahrheit verschwiegen hatte. Sein rücksichtsloses Verhalten hielt mir meinen Schatten vor: Meine Unfähigkeit, eigene Bedürfnisse klar auszusprechen. Ich hatte nie benannt, was ich fühlte, nie gesagt, was ich brauchte. Solange ich es nicht aussprach und nicht zeigte, wurden meine Gefühle übergangen. Das hatte ich hingenommen. Dort sass mein Schmerz. In diesem Augenblick wusste ich: Jetzt ist es endgültig vorbei. Und ich steckte noch mitten im Davor – zwischen Wahrheit und Illusion.

 

Ich hatte ihn überall blockiert, Snap, Instagram. Als er wenige Tage später in der Stadt auftauchte, in der ich lebte, erkennbar an seinem teuren Auto, spürte ich, wie er meine Nähe suchte – vielleicht ein letztes Mal, auf dem einzigen Weg, der ihm geblieben war. Ich ging weiter die Hauptstrasse entlang. Das Auto fuhr langsamer, als ob der Fahrer prüfen wollte, ob ich ihn bemerkte. Ja, ich hatte ihn sofort erkannt und dennoch behielt ich meinen Schritt bei. Kein Blickkontakt, keine Geste. Ich spürte den Blick, der mich suchte, und ich wusste: Er wollte Gewissheit. Ob ich es wirklich ernst meinte. Ob die Tür, die so oft nur angelehnt gewesen war, nun geschlossen blieb. Hätte ich stehen bleiben sollen? Was gab es noch zu sagen? Zu sehen, wie er weiterging, nur eben nicht mit mir, liess die leise Möglichkeit verstummen, die ich so lange in mir getragen hatte: dass es für uns doch noch eine Chance gab. Die Magie, die uns wie ein unausgesprochenes Versprechen begleitet hatte, verflog – nicht durch einen Bruch, sondern durch die schlichte Tatsache, dass seine Geschichte sich neben jemand anderem fortschrieb. Und dort, in dieser stillen Einsicht, zerfiel mein Irrglaube an eine besonders tiefe Liebe, die ich in ihm gesehen hatte.

Seit da habe ich ihn nie wieder gesehen. Auch das ist echt verrückt, denn vorher waren wir uns ständig begegnet. Egal zu welcher Uhrzeit, egal an welchem Ort: Wir waren uns immer wieder über den Weg gelaufen, so als hätte das Schicksal seinen eigenen Plan verfolgt. Am Tag unserer letzten Begegnung war es anders. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn zu sehen. Und trotzdem sass er plötzlich neben mir. Mit ihr. Es tat weh – doch zugleich war es der Moment, in dem ich begriff, dass auch ich jetzt weitergehen musste. Dass ich nicht mehr warten und hoffen konnte, hin- und hergerissen zwischen Nähe und Distanz. Dieser Moment war ein stilles Orakel: Das, was ich verweigert hatte zu sehen, stand nun unverkennbar neben mir.

 

Der endgültige Wendepunkt kam, als ich mir eingestand, was ich so lange verleugnet hatte: dass ich ihn geliebt habe – trotz allem. Mehr, als ich wahrhaben wollte. Doch endgültig losgelassen habe ich, weil ich erkannt habe, dass ich keine Beziehung mehr akzeptiere, in der mein Gegenüber rücksichtslos handelt, meine Grenzen missachtet und mich verletzt. Zugleich achte ich darauf, meine eigenen Anteile zu erkennen: Wenn ich impulsiv reagiere und dadurch verletze, übernehme ich die Verantwortung, lege meinen Stolz beiseite und mache es wieder gut. Erst diese Klarheit machte es möglich, meine Rechtfertigungen und Projektionen loszulassen. Ich begann, mich an meine eigenen Herzensmauern zu erinnern und an die Geschichten, die sie gebaut hatten. Ich sah, wie das Leben mich hart gemacht hatte. Ich stand lange mit erhobenem Schwert da, als wäre Kampf die einzige Sprache, die das Leben versteht. Meine Rüstung hatte mir zwar Schutz geboten, aber auch mein Herz verschlossen. Heute erkenne ich, dass mein wahrer Schutz in meiner Authentizität besteht und darin, für mich und meine Werte einzustehen. Also lege ich das Schwert nieder und streife die Rüstung Stück für Stück ab: zuerst das Misstrauen, dann die Vorsicht, zuletzt den Stolz. Heute trete ich ohne Rüstung vor mein Herz: Mit Vertrauen statt Misstrauen, mit Klarheit statt Vorsicht, mit Würde statt Stolz.

 

Ich liess meine Trauer zu und würdigte das, was gewesen war, ohne es festhalten zu wollen. Ich fing an, über das zu schreiben, was ich so oft verschwiegen hatte. Anstatt mich in angespannten Momenten zurückzuziehen, übe ich den bewussten Schritt nach vorn: Ich fühle, benenne und kommuniziere: «Ich brauche …», «Ich wünsche mir …». Seitdem übe ich, nicht nur stark, sondern weich zu sein. Offen und durchlässig und gleichzeitig klar und bestimmt. Schritt für Schritt lernte ich, mich im Schmerz nicht zu verschliessen, sondern bei mir zu bleiben, bis die Schwere nachliess und wieder Raum für Klarheit entstand.

 

Beziehungsdynamiken sind Spiegel. Ich habe Essenzen angezogen von Liebe und Missverständnis, Enttäuschung und Versöhnung, Streit und Vergebung. Diese Geschichte hatte viele Kapitel und Wiederholungen. Der Zyklus war vertraut und lehrreich. Dadurch habe ich gelernt, dass Liebe und Schmerz oft dicht beieinander liegen. Hinter meiner vorgetäuschten Kälte, die den Wächter gab, lag ein Schutzsystem, das ich identifiziert und abgelegt habe.

 

Der Blick zurück schmerzt, weil er mir eine Version von mir zeigt, die ich nicht mehr bin. Darum wende ich mich der Gegenwart zu. Der Rückblick in die Vergangenheit macht nostalgisch und in dieser Nostalgie lauert die Melancholie, die ich nicht nähren will. Also habe ich angenommen, was war, und nach der Ursache gesucht, die diese Dynamik überhaupt möglich machte. Mit viel Schattenarbeit, meiner Entschlossenheit und Willenskraft habe ich sie gefunden und integriert. So löste sich das Alte, ohne dass ich es verleugnete, und die Gegenwart bekam das Gewicht, das ihr zusteht.

 

Dabei wurde mir bewusst: Wer früh gelernt hat, keinen Raum einzunehmen und nicht auszusprechen, was er braucht, läuft Gefahr, in Beziehungen zu landen, die nicht guttun. Wenn die eigenen Gefühle keinen Ausdruck finden, werden Grenzen porös – die der anderen spürt man sofort, die eigenen übergeht man. Oft schien es mir der leichtere Weg zu sein, einfach zu schweigen und in die Rolle zu schlüpfen, von der ich annahm, dass man sie von mir erwartete. Meine Unfähigkeit, „Ich liebe dich“, „Verzeih mir“, Schmerz, Trauer oder Angst auszudrücken oder zu weinen. Dieses alte Muster arbeitete in mir weiter. Vielleicht bin ich deshalb damals nicht stehen geblieben. Vielleicht, weil ich spürte, dass jedes weitere Wort mich wieder dorthin ziehen würde, wo ich mich verliere. Vielleicht auch, weil ich merkte, dass mein Schritt für mich sprach. Also ging ich weiter – dieses Mal endgültig.

 

In der Rückschau erkenne ich, dass ich aus dieser Zeit gelernt habe, auf meine eigene Intuition zu vertrauen, meine Bedürfnisse zu benennen und meine Gefühle auszusprechen. Es braucht Mut, sich einzugestehen, dass eine Verbindung, so tief und echt sie sich auch anfühlt, nicht unbedingt das widerspiegelt, was einem guttut. Ich habe gelernt, dass Selbstwert nicht aus der Liebe kommt, die man von jemand anderem erhält, sondern aus der Klarheit darüber, wie sehr man selbst bereit ist, sich in Liebe zu begegnen. Es ist ein Weg von der Projektion auf eine andere Person – über die Enttäuschung und durch den Schmerz, den dies auf beiden Seiten verursacht – zur Erkenntnis, dass Liebe in ihrer reinsten Form jenseits von Bedingungen existiert. Liebe beginnt nicht erst, wenn mir Gewissheit geschenkt wird, dass du mich auch liebst. Sie geschieht, weil sie geschieht. Sie ist bedingungslose Ehrlichkeit. Sie fragt nicht: Bekomme ich zurück?, sondern: Bin ich wahr?

 

Zugleich hat mich diese Zeit gelehrt, für das Magische zu leben: für jene Momente, die meine Augen zum Leuchten bringen, in denen Liebe jede Zelle durchströmt und Worte für den Augenblick fehlen. Diese Magie bleibt – auch wenn die Verbindung selbst nicht mehr besteht. Und genau deshalb halte ich diese Geschichte fest: um mich an das Leuchten in meinen Augen zu erinnern und weiterleben zu lassen.

 

Welche Liebesgeschichte hast du verdrängt? Welche noch nicht verdaut? Was kommt bei dir hoch, wenn du diese Geschichte liest?

 

Von Herzen

Renata

 
 
 

2 Kommentare


Valerie Brupbacher
Valerie Brupbacher
10. Feb.

Schön gschribe! 🤗

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renatalamesic
27. Feb.
Antwort an

Dankeschön Valerie! <3

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